Eine Friedensmutter im Widerstand

Aklime Hanas ist eine der Mütter, die sich in Amed der Zwangsverwaltung widersetzen. In Licê erlebte sie Dorfverbrennungen, in Sûr Ausgangssperren und Militärbelagerung. Trotzdem, und vielleicht gerade deshalb, leistet sie leidenschaftlich Widerstand.

Seit der Usurpation der HDP-geführten Rathäuser in den kurdischen Großstädten Wan, Mêrdîn und Amed durch die türkische Regierung vor mehr als fünf Wochen bekennen sich Kurdinnen und Kurden auf der Straße zu ihrem politischen Willen. Frauen und Männer, Kinder und ältere Menschen haben ihren Alltag beiseite geschoben und beteiligen sich kollektiv an legitimen und antiautoritären Aktionen. Unter den Teilnehmenden der Mahnwachen gegen die Politik der Zwangsverwaltung fallen ganz besonders die Friedensmütter mit ihren weißen Kopftüchern auf, die als Symbol des Friedens gelten. Ohnehin stehen sie bei sozialen Protesten und demokratischen Reaktionen stets an vorderster Front. Nun führen sie auch den Kampf gegen die Zwangsverwaltung an.

Eine dieser Friedensmütter in Amed ist Aklime Hanas. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters ist sie mit ihrer Energie und Stimme das Symbol der Mahnwache und eine Quelle der Kraft und Moral für alle übrigen Teilnehmer*innen. Ihr Name ist für fast alle Menschen in Amed ein Begriff: Beim Widerstand für die Aufhebung der Isolation des inhaftierten kurdischen Vordenkers Abdullah Öcalan war es Aklime Hanas, die die Aktionen rund um die Hungerstreikbewegung mit ihrer Parole „Widerstand führt uns zum Sieg“ anführte und sich so ins Gedächtnis der Stadtbevölkerung einbrannte.

Dorfverbrennung und Flucht

Aklime Hanas wurde 1962 in Karwaz (türkisch: Yalaza), einem Dorf im Landkreis Licê geboren. Als 15-Jährige wurde sie gegen ihren Willen verheiratet und ließ sich als „Braut“ im Dorf ihres „Ehemannes“ in Bomintê (Kutlu) nieder. Bis 1993 setzte sie dort unter schweren Bedingungen ihr Leben fort. Während auf der einen Seite patriarchalische Wertvorstellungen und Strukturen ihr die Freude am Leben nahmen, bekam Aklime Hanas andererseits die Vernichtungs- und Verleugnungspolitik des türkischen Staates gegenüber der kurdischen Bevölkerung bis auf die Knochen zu spüren. Wie tausende weitere Siedlungsgebiete wurde damals auch das Dorf Bomintê nicht von den systematischen Massakern der Sicherheitskräfte verschont und 1993 von der türkischen Armee niedergebrannt. Die Bewohner*innen hatten sich geweigert, als sogenannte „Dorfschützer“ in den Dienst des Staates zu treten. Die Familie Hanas zog daraufhin nach Sûr, die Altstadt von Amed. Jahre später wurde Aklime, die inzwischen Mutter von sechs Kindern geworden war, im Zuge der von der Regierung verhängten Ausgangssperren erneut Angriffen und Staatsterror ausgesetzt. Sie verließ Sûr und zog ein weiteres Mal um: Ins Şehitlik-Viertel im Stadtteil Bajarê Nû (Yenişehir).

Kein Ausweg außer Widerstand

Wir begleiten Aklime Hanas von der Demokratie-Mahnwache auf der Lise Caddesi bis zu ihr nach Hause. Auf dem Weg dorthin erzählt sie davon, wie sich ihr Schmerz nach all den erlebten Grausamkeiten in eine große Leidenschaft für den Widerstand verwandelt hat. Als ich beginne, mir Notizen zu machen, entgegnet sie mir: „Ein Stift oder ein Blatt, das mein Leid beschreiben könnte, gibt es nicht.“ Dann fährt sie fort: „20 Jahre lang besuchte mein Sohn die Schulen dieses Systems und brachte große Opfer. Aber das Recht, das ihm zustand, wurde ihm nicht gewährt. Trotz drei Studienabschlüssen wurde er nicht verbeamtet. Weil er das nicht ertragen konnte, beging er Selbstmord. Er war nur 27 Jahre alt.

Wovon soll ich noch erzählen? Davon, dass mein Neffe zu 497 Jahren Gefängnis verurteilt wurde? Kann ein Mensch so lange leben? Soll ich erzählen, dass jeden Tag unsere Kinder getötet und ihre Körper zur Schau gestellt werden? (gemeint ist die Schändung der Leichen von Guerillakämpfer*innen, Anm. d. Red.) Es sind Schmerzen wie diese, die mir Kraft geben und mich zum Protest bewegen. Sobald ich diese Schmerzen empfinde, entfacht sich eine Wut in mir. Wir mussten flüchten, wurden verbrannt und nahezu ausgelöscht. Nach all dem bleibt uns kein anderer Weg als der Widerstand.“

‚Wir wollen unseren Willen zurück‘

Der tief sitzende Schmerz von Aklime Hanas dringt mit ihren Worten wieder an die Oberfläche. Wir laufen eine Weile schweigend durch die Straßen. Sie versinkt in ihren Gedanken – weder der Verkehr noch die vielen Menschen um uns herum scheinen zu existieren. Dann sagt sie plötzlich: „Eines morgens wachte ich schließlich auf und erfuhr, dass dieser Staat, der mir all dieses Leid zugefügt hat, der Kommunalverwaltung, die ich mit meinem freien Willen gewählt hatte, einen Treuhänder zugewiesen hat. Ohne Zeit zu verlieren, machte ich mich auf den Weg vor das Rathaus.“ Aklime Hanas fragt „Warum wird das uns zustehende Recht usurpiert?“, und versucht in Worte zu fassen, wieso sie diese Maßnahme wütend machte: „Wir alle haben große Mühen in den Wahlkampf gesteckt. Ich mit meinen 57 Jahren lief von Straße zu Straße, von Stadtteil zu Stadtteil, damit unsere Ko-Bürgermeister*innen demokratisch gewählt werden konnten. Und nun sitzt da jemand im Rathaus, den wir noch nicht einmal kennen, und nimmt unsere Errungenschaften in Beschlag. Ich habe nicht für den Treuhänder gestimmt. Meine Stimme galt ganz allein mir! Das Volk will keine Treuhänder. Es will seinen politischen Willen, für den es mit seiner Stimme eingetreten ist. Auch ich will meinen Willen zurück.“

‚Wenn wir heute schweigen, kommen die Treuhänder morgen zu uns nach Hause‘

Aklime Hanas kommt auf die Polizeibarrieren zu sprechen, die nach der Absetzung der Bürgermeister*innen vor den Rathäusern errichtet wurden: „In den fünf Monaten nach der Kommunalwahl hat sich die Stadtverwaltung nur für die Belange der Bevölkerung eingesetzt. Unter der HDP war die Stadt faktisch eine Volkskommune. Jetzt, da das Rathaus unter Zwangsverwaltung steht, wird es belagert. Niemandem ist es möglich, die Barrieren zu passieren und ins Innere des Gebäudes zu gelangen. Wie lange sollen wir denn noch schweigen? Wenn wir unsere Stimmen heute nicht erheben, werden die Treuhänder schon morgen zu uns nach Hause kommen. Deshalb werde ich bis zuletzt für meine Rechte kämpfen. Ich bin weder ein Dieb, noch habe ich mir die Rechte anderer angeeignet. Doch denjenigen, die mein Recht an sich gerissen haben, gönne ich keinen ruhigen Augenblick.“

Festnahme und Gewalt wegen Sitzstreik für Frieden

Aklime Hanas ist zudem eine der Friedensmütter, die vor einer Woche bei dem Versuch, einen Sitzstreik für Frieden vor dem AKP-Gebäude in Amed zu beginnen, gewaltsam festgenommen wurden. Insgesamt elf Mütter waren am vergangenen Dienstag von der Polizei umstellt und angegriffen worden, als sie vor der Zentrale der Regierungspartei ankamen. Sicherheitskräfte schleiften die Frauen über den Boden und nahmen sie in Gewahrsam. Die Misshandlungen gingen auch im Einsatzfahrzeug weiter.

„Die Polizisten haben uns wüst beschimpft. Es war unerträglich. Wir schämten uns in Grund und Boden, doch ihnen war es egal. Man brachte uns in ein Militärkrankenhaus. Wir haben dem Arzt die Gewalt an uns geschildert, dennoch erhielten wir kein Attest. Zu mir sagte er sogar lachend: ‚Ich sehe keine blutende Wunde‘. Diese Worte brachten mich aus der Fassung, deshalb antwortete ich ihm: ‚Ich bin doch nicht in eine militärische Operation gezogen, um mir blutende Schussverletzungen zuzuziehen.‘ Er machte sich nur über uns lustig und verwies uns des Raumes. In den gesamten fünf Stunden, die wir in Gewahrsam verbrachten, wurden wir nur beschimpft.“

Regierung verweigert Lösung der Probleme

Zum Ende unseres Gesprächs kommt Aklime Hanas wieder auf die Repression gegen die HDP zu sprechen und erwähnt den staatlich orchestrierten Protest vor der HDP-Zentrale in Amed. Dort inszeniert die AKP-Regierung seit Wochen Aktionen von Eltern, die behaupten, ihre Kinder seien mit Hilfe der HDP gewaltsam zur kurdischen Guerilla in die Berge gebracht worden.

„Der Staat kann tun und lassen, was er will, wird aber dennoch nicht in der Lage sein, sich von seinen Übeltaten zu befreien. Natürlich ist diesem Staat klar, dass er selbst der alleinige Ansprechpartner in dieser Angelegenheit ist. Trotzdem sammelt er Familien aus anderen Städten vor der HDP-Zentrale in Amed. Was kann die HDP denn tun? Ihr politisches Engagement im Parlament wird mit aller Kraft verhindert. Gegen alle Abgeordnete werden Verfahren eingeleitet, sobald sie ihren Mund aufmachen. Das Anliegen dieser Familien hat die HDP doch bereits im Parlament zur Sprache gebracht, damit eine Lösung gefunden werden kann. Aber auch diese Tür wurde ihr verschlossen. Es ist die AKP/MHP-Regierung, die sich Lösungen verweigert, nicht die HDP. Wen glaubt die Regierung, zu täuschen? Uns kann sie nicht täuschen. Für unsere Sache und unser Recht werden wir auch weiterhin kämpfen. Solange ich lebe, werde ich auf meinen Rechten beharren.“

ANF

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