„Erdoğans Ziel ist ein Völkermord“

Nazira Gawriye ist die Ko-Vorsitzende der Autonomieverwaltung in der Cizirê-Region. Für sie ist klar, dass Erdoğan in Nord- und Ostsyrien / Rojava einen Völkermord beabsichtigt.

Nazira Gawriye befindet sich aktuell in Europa. Als Ko-Vorsitzende der Autonomieverwaltung in der Cizirê-Region führt die Politikerin Gespräche mit verschiedenen politischen Vertreter*innen, um diese über die aktuellen Entwicklungen und Hintergründe im Zusammenhang mit dem türkischen Angriffskrieg in Nordsyrien zu informieren. Für Gawriye ist klar, dass das Erdoğan-Regime unter dem Deckmantel von vermeintlichen Sicherheitsbedenken eine umfassende ethnische Säuberung in Nordsyrien in die Wege leiten will. Im Gespräch mit unserer Nachrichtenagentur hat sie sich über die derzeitige Situation in Nordsyrien geäußert.

Nazira Gawriye, die Angehörige der Suryoye ist, erinnerte zunächst an die Geschichte der Türkei und des Osmanischen Reiches, die voller Genozide an den christlichen Gemeinschaften des Mittleren Ostens ist. „Mit jedem dieser Genozide wurde unsere Anzahl kleiner. Dass sie nun die christlichen Geistlichen innerhalb der türkischen Staatsgrenzen dazu zwingen, für ihren Angriffskrieg in Nordsyrien zu beten, ist äußerst perfide. Auf wen schießen diese Soldaten denn, für die in den Kirchen der Suryoye gebetet wurde? Der türkische Staat hat bis in unsere Kirchen hinein ein Agentennetzwerk aufgebaut“, so Gavriye.

Die Politikerin berichtet uns, dass den Suryoye nach dem Ersten Weltkrieg ein ähnliches Schicksal widerfahren ist wie den Kurd*innen. Denn sie wurden auf drei Nationalstaaten aufgeteilt. Besonders durch die syrisch-türkische Grenze wurden unzählige Familien geradezu gesprengt. Viele Suryoye wanderten später nach Europa aus.

Türkei will Gebiete von Nordsyrien bis Nordirak besetzen

Vor dem Hintergrund der aktuellen Krise in Nordsyrien ruft Gawriye zu einer politischen Lösung in Syrien auf. Anders sei es kaum vorstellbar, dass die Menschen wieder ein sicheres und stabiles Leben aufbauen können. Zudem fordert die Politikerin vom syrischen Regime, nicht die aktuelle Situation als Chance zu begreifen, um gegen das politische Gesellschaftsmodell in Nordsyrien vorzugehen. Das würde nämlich die Gefahr eines neuen bewaffneten Konflikts mit sich bringen.

Das größte Risiko für die Sicherheit der Menschen Nordsyriens stelle derzeit die Türkei dar, meint Gawriye. „Die Türkei hat in diesem Krieg eine äußerst negative Rolle gespielt. Sie hat ihre Grenzen für die Dschihadisten, die in dieses Land geströmt sind, immer offen gehalten. Nun besetzt sie Teile Nordsyriens. Ihr Ziel ist eine vollständige Besetzung ihres südlichen Grenzgebiets, das von Nordsyrien bis in den Nordirak hineinreichen soll. Wir müssen das gemeinsam verhindern. Denn ansonsten wird der türkische Staat in diesen Gebieten eine Politik des erzwungenen demografischen Wandels umsetzen. Dann werden dort die Suryoye und die Kurd*innen systematisch vertrieben werden“, erklärt Gawriye.

Erdoğan fürchtet sich vor dem demokratischen System in Gozarto

Die Christin macht mit folgenden Worten klar, dass der Angriffskrieg in Nordsyrien auch Ausdruck der Angst Erdoğans vor dem demokratischen Gesellschaftsmodells in Nordsyrien ist: „Er will das demokratische System in Nordsyrien und Gozarto (aramäische Bezeichnung für Cizîrê) aus der Welt schaffen. Hierfür hat er allmögliche dschihadistische Truppen bewaffnet. Denn das Gesellschaftssystem hier hat ihn tatsächlich sehr beunruhigt. Hier haben Kurd*innen, Suryoye, Ezid*innen und Araber*innen sich selbst verwaltet und ein gemeinsames Leben aufgebaut. Das Funktionieren dieses Modells hat einerseits Erdoğans Syrienpläne völlig aus der Bahn geworfen. Andererseits gibt es in der Türkei dieselbe Pluralität an Volks- und Religionsgemeinschaften wie in Syrien. Der türkische Staatspräsident fürchtet nichts mehr, als dass ein solches demokratisches Gesellschaftskonzept auch auf die Türkei übergreift. Deswegen will er es mit allen Mitteln auslöschen.“

Nazira Gawriye macht allerdings zugleich klar, dass dieses Vorhaben Erdoğans nicht so einfach zu verwirklichen ist: „Denn in Nordsyrien haben die verschiedenen Volksgruppen Seite an Seite schon einen aufopferungsreichen Kampf gegen den IS geführt.“ Derselbe Widerstand werde nun auch von allen Völkern, die sich in Nordsyrien selbstverwalten, gegen die türkische Besatzung an den Tag gelegt.

ANF

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