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Perşembe, Aralık 5, 2019
Ana Sayfa Deutsch „Ohne die freie Frau kann es keine freie Gesellschaft geben”

„Ohne die freie Frau kann es keine freie Gesellschaft geben”

HÎVRON SOSIN/FRANKFURT

In seinem Roman „Perwanas Abend” schreibt Bachtyar Ali über Frauen, die von religiösem Fanatismus und Patriarchat bedroht sind. Sie kämpfen gegen unüberwindbare Grenzen und flüchten ins „Tal der Liebe”, um eine freie Gesellschaft zu erproben.

Bachtyar Ali ist wohl der bekannteste zeitgenössische Schriftsteller aus Südkurdistan (Nordirak). 1966 in der Metropole Silêmanî geboren, die als Kultur- und Bildungszentrum der Autonomieregion gilt, kam er in den 1980er Jahren in Konflikt mit der Diktatur Saddam Husseins. Nachdem Ali bei einem Studenten-Protest verletzt wurde, brach er sein Geologiestudium ab und widmete sich der Literatur. Als Herausgeber der philosophischen Zeitschrift Azadî (Freiheit) verärgerte er mit seiner Tätigkeit als Journalist und Autor viele Politiker. Als schließlich Mitte der 1990er Jahre ein Krieg zwischen verschiedenen kurdischen Parteien ausbrach, den die Kurden Birakujî (=Brudermord) nennen, stand auch Azadî unter großem Druck. Regelmäßig gab es Drohungen gegen die Redaktion – von ganz unterschiedlichen Seiten. Ali blieb nichts anderes übrig, als das Land zu verlassen. Seitdem lebt er in Deutschland.

Auch wenn Bachtyar Ali Kultstatus in Kurdistan genießt, wurde er im deutschsprachigen Raum erst 2016 mit seinem Roman „Der letzte Granatapfel” bekannt. Ein Jahr später folgte die Veröffentlichung seines Werks „Die Stadt der weißen Musiker”. Inzwischen liegt mit „Perwanas Abend” sein dritter Roman vor.

In „Perwanas Abend”, das im Original bereits 1998 publiziert und im Irak verboten wurde, weil es angeblich eine „Anleitung zur Rebellion” sei, erzählt Bachtyar Ali von Perwana und ihren Freundinnen, die von religiösem Fanatismus und Patriarchat bedroht sind. Sie kämpfen an gegen die unüberwindbaren Grenzen, die das tägliche Leben erschweren. Väter und Brüder, aber auch tyrannische Hüterinnen von Sitte und Glauben, sitzen ihnen im Nacken. Platz für Hoffnungen, Liebe und Freiheit gibt es nicht. Sie flüchten sich hoch in die Berge, ins „Tal der Liebe”, entziehen sich der Tradition und islamistischen Moral, um eine freie Gesellschaft zu erproben. Hîvron Sosin hat sich mit dem Schriftsteller unterhalten.

Ihre Sprache ist mit Bildern und Symbolen durchsetzt. Die reale und surreale Welt in ihren Romanen sind so nah miteinander verbunden, dass sie sich kaum voneinander trennen lassen. Was ist Ihre Inspirationsquelle?

Ich lese viele Bücher und Texte und habe eigentlich immer das Bedürfnis, zwischen den Zeilen zu schreiben. Möglich ist es natürlich nicht. Lesen ist eine passive Aktivität, aber Schreiben ist eine Alternative, um aktiv und kreativ zu sein. Das Schreiben ergänzt meine Leserseite. Meine symbolische Sprache hat verschiedene Gründe. Ich bin gleichzeitig ein Dichter. Das Dichten ist sehr eng mit der symbolischen Sprache verknüpft. Anderseits habe ich mit dem Schreiben im Irak angefangen. Damals konnten wir vieles nicht direkt zum Ausdruck bringen. Wir waren sozusagen gezwungen, eine symbolische Sprache zu benutzen. Anders wäre es gar nicht möglich gewesen, unseren politischen Standpunkt oder unsere gesellschaftlichen Weltanschauungen offen und deutlich zu äußern. Wir suchten eine Sprache, die uns ermöglichte, zu schreiben. So bot uns die symbolische Sprache eine Möglichkeit, unsere Meinungen indirekt zu äußern. Ferner stand ich anfangs stark unter dem Einfluss der Surrealisten. Surrealismus ohne Symbole ist undenkbar. Diese Faktoren sind eigentlich die Hauptgründe meiner symbolhaften Sprache, jedoch muss ich ergänzen, dass die Literatur an sich sehr viel mit Symbolen zu tun hat. Wir Schriftsteller benutzen andere Symbole als die Religion oder Politik. Wir versuchen eine andere Art von Sprache zu schaffen, die mit alltäglicher Sprache nicht zu tun hat. Deswegen spielen die Symbole eine große Rolle in der Literatur.

In Ihrem Buch Perwanas Abend stehen Frauen im Vordergrund, die von religiösem Fanatismus bedroht sind. Ihr Leben und ihre Träume werden unterdrückt. Geschrieben ist der Roman aus der Perspektive der Ich-Erzählerin Khandan, die vorgibt, die Geschichte ihrer Schwester Perwana zu erzählen. Steht der Roman in einem feministischen Kontext?

Ich wollte Frauen eine Stimme geben. Denn es sind die Frauen, die in unserer Gesellschaft auf eine lange Geschichte der Unterdrückung zurückblicken. Wir Kurden werden als Nation seit vielen Jahren unterdruckt. Frauen haben diese Qualen viel mehr zu spüren bekommen als Männer. Ich glaube, dass jede Herrschaft eine Strategie der Zielgruppe verfolgt. Bei der fundamentalistischen Islamisten sind es die Körper der Frauen, die das Ziel bilden. Den Körper einer Frau zu kontrollieren, ist der Kern der Macht. Wer in Gesellschaften, in denen Religion eine zentrale Rolle spielt und den Frauenkörper definiert, bestimmt am Ende über das gesamtgesellschaftliche System.

Der Frauenkörper spielt eine politische Rolle. In diesem Sinne müssen wir natürlich von einer feministischen Bedeutung sprechen. Eine gesellschaftliche Freiheit ohne die Befreiung der Frau ist nicht möglich. Ohne die Freiheit der Frau kann es weder politische, noch moralische Freiheit geben. In diesem Roman versuchte ich, diesen Konflikt zwischen Religion und Liebe zu thematisieren. Unsere Gesellschaften basieren auf einem fundamentalistischen Verbot; dem Verbot der Liebe. Es ist der Kern aller Konflikte. Somit führt es zu anderen Verboten wie dem der Kunst, Literatur und Sprache. Deswegen ist die Freiheit der Frauen die Grundlage aller Freiheiten.

Der Gebrauch der kurdischen Sprachen war lange Zeit verboten. Darunter hat auch die kurdische Literatur gelitten. Was kann getan werden, um den Gebrauch der kurdischen Sprache wiederzubeleben und zu fördern?

Die kurdische Sprache war fast ein Jahrhundert lang verboten, vor allem in der Türkei. Wir hingegen hatten Glück. Meine Generation wuchs mit Kurdisch im Alltag und in der Schule auf, dadurch konnte sich die Sprache im irakischen Teil Kurdistans weiterentwickeln.

Als ich 20 war, gab es vielleicht 200, maximal 300 kurdischsprachige Bücher. Mehr waren es nicht. Auch der Zugang zu übersetzten Werken aus der Weltliteratur war beschränkt. Wir verfügten lediglich über Prosa und Gedichte aus dem Diwan einiger kurdischer Dichter, aber Kurdisch war nicht die Sprache des Denkes. Es wurden Zweifel darüber geäußert, ob die kurdische Sprache in Romanen und Erzählungen überhaupt verwenden werden kann oder sie lediglich die Sprache der Poesie ist. Weder glaubte man uns, dass wir philosophische Texte ins Kurdische übertragen können, noch dass wir sie selbst schreiben. Es war schwer, ein Bewusstsein darüber zu schaffen, dass es möglich war. Jetzt ist es anders. Wir haben Zehntausende Bücher, jedes Jahr kommen weitere kurdischsprachige Werke hinzu. Das hat sehr viel mit Freiheit zu tun. Wenn wir einen freien Raum für unsere Gedanken und Kreativität schaffen, können wir unsere Sprache entwickeln. Wir leben im Medienzeitalter und können besser kommunizieren. Diktatorische Regierungen können uns nicht so einfach aufhalten, wie es ihnen in der Vergangenheit möglich war. Die sozialen Netzwerke bieten uns eine einmalige Gelegenheit, auf die wir zurückgreifen sollten. Wir müssen versuchen, unsere Sprache ständig weiterzuentwickeln, Texte zu übersetzen und unsere Kultur anderen Menschen vorstellen. Es gab einfach zu lange keine kurdischen Bücher. Als ich vor 20 Jahren nach Deutschland kam und mich als Autor vorstellte, fand man mich nicht glaubwürdig. Ich wurde ständig gefragt, wo denn meine Bücher seien. Ich wurde in einen Sprachkurs für Analphabeten geschickt, obwohl ich bereits mehr als zehn Bücher geschrieben hatte.

Als ich neu in Deutschland war meinte ich, dass ich ein Autor bin, aber niemand glaubte mir. Sie schickten mich zu einem Kurs für Analphabeten. Dabei hatte ich mehr als zehn Bücher geschrieben. Sicherlich ist es schwierig, eine verbotene Sprache wie die kurdische aktuell zu halten und zu übersetzen. Der Mensch versucht eigentlich, die Sprache zu retten und sie nicht zu vergessen, sie seinen Kindern beizubringen. In dem Moment vergisst man die Bedeutung der Übersetzung.

Jetzt ist die Zeit, Einschränkungen zu überwinden und eine neue Dimensionen zu schaffen, kulturell viel mehr zu leisten. Wir müssen die kurdische Literatur für den westlichen Leser transparent machen und umgekehrt. Kurdische Kinder brauchen etwas zu lesen. Es müssen gute und vor allem überzeugende Texte sein, die Kinder an ihre Muttersprache nähern. Damit sie sie lieben und stolz sind.

Sie leben seit über 20 Jahren im Exil. Was raten Sie jungen Exil-Autoren, die noch unentschlossen sind, ihre Bücher dem Publikum zugänglich zu machen?

Ich denke, das Exil ist für kurdische Schriftsteller der beste Ort. Ich hatte im Irak das Gefühl im Exil zu sein. Ich durfte meine Texte weder veröffentlichen noch meine Gedanken frei zum Ausdruck bringen. Meine Freiheit habe ich eigentlich in Deutschland gefunden. Im Irak musste ich mich ständig durch Gefahrzonen bewegén – politische wie auch gesellschaftliche und moralische. Hier in Deutschland hatte ich dieses Problem nicht. Ich war fast frei.

Für uns Kurden ist es eine gute Atmosphäre für das Schreiben. Keine Regierung kann uns wegen unserer Bücher verhaften. Niemand kann uns wegen unseren Gedanken bestrafen. Wir müssen diese Chance nutzen.

Arbeiten Sie zurzeit an einem neuen Buch?

Ja, ich arbeite an einem Roman, der vom Sprachverbot in der Türkei handelt. Es ist eine Schande; die Türkei hat uns einen ganzes Jahrhundert von unserer Sprache isoliert.  Es ist sehr ärgerlich, dass darüber bis jetzt kein literarisches Werk geschrieben wurde. Ich möchte nicht viel verraten. Das Buch wird höchstwahrscheinlich im April oder Mai erscheinen.

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