Was Hanau uns beibringen sollte

Dastan Jasim

Als Deutschkurd*innen, als Migrant*innen und als Menschen waren die letzten Tage nach dem grausamen Attentat von Hanau kaum zu ertragen. Eine Mischung aus Trauer, Fassungslosigkeit und Angst treibt uns alle herum. Vor allem als Kurd*innen jedoch, sollte Hanau uns dazu bringen einige Dinge zu lernen, zu analysieren und in den öffentlichen Raum zu tragen. Vor allem sollte es uns aber dazu bringen das zu benennen, was am Grunde aller Probleme ist: Rassismus.

Rassismus, das ist ein Klima in Deutschland. Ein Klima, was sogar im europäischen Vergleich die meisten Leben kostet. Seit der deutschen Widervereinigung 1990 stellt die Amadeu Antonio Stiftung fest, dass 198 Menschen Opfer rechter Gewalt wurden. Im europäischen Vergleich ragt Deutschland heraus und die größte Quelle politischer Gewalt sind rechtsextreme Anschläge, vor allem auf Flüchtlingsunterkünfte. Dennoch ist das kaum Thema. In einer Pressekonferenz beantwortete Friedrich Merz beispielsweise die Frage „Ist Ihre Antwort auf das Problem des Rechtsradikalismus die stärkere Thematisierung von Clankriminalität, Grenzkontrollen und so weiter?“ mit einem klaren „Ja“ und macht damit deutlich: Im öffentlichen Diskurs hat man absolut nichts dazugelernt.

Rassismus, das ist auch ein Klima in dem DITIB und co. von dem gesamten Horror von Hanau profitieren können. In dem sie in einem Marsch gegen Rassismus hunderte türkische Flaggen schwenken, ignorierend, dass Menschen wie Ferhat Ünvar und seine Familie vor der Geschichte und der Ideologie dieser Flagge geflohen sind. Warum? Weil Rassismus auch bedeutet, dass Deutschland seit Jahrzehnten mit Migrant*innen unter einer einfachen Formel umgeht: Migrant*innen muss man politisch steuern, die meisten sind sunnitische Türken und somit ist die sunnitisch-türkische Interessensvertretung die wichtigste. Nur so lässt es sich erklären, dass in der ersten Talkshow nach dem Attentat von Hanau Kübra Gümüsay als einzige migrantische Vertreterin das Wort hat, sonst niemand. Rassismus, das bedeutet Leute zu subsumieren und progressive und linke Stimmen der Community stillzulegen.

Rassismus, das bedeutet auch seit Jahren kurdischen Aktivismus als Integrationsproblem abzutun, kurdischen Strukturen die Mitsprache zu verwehren, sie auszuschließen. Dass sogar in der Demo für die Opfer von Hanau zu allererst von türkisch-rechter Seite gegen PKK-Terror Poster und Plakate gehalten werden.

Rassismus, das bedeutet auch, dass durch eine exklusiv sunnitisch-türkische Stimme, die vermeintlich alle Opfer vertritt, die Stimmen von Roma und Sinti, zu denen zwei der Opfer, Mercedes K. und Rom Vili P., gehörten, erstickt werden. Rassismus, das ist die lückenlose Weiterführung des türkischen Imperialismus gegenüber Völkern des Balkan, auch auf deutschem Boden. Spricht man das als Kurd*in an, wird man als Spalter*in verpöhnt.

Rassismus, das bedeutet zuletzt auch, dass weiterhin linke und antifaschistische Kreise in Deutschland von Deutschen dominiert sind, dass Deutsche, die nie an Rassismus leiden mussten, für Kurd*innen reden. Rassismus bedeutet, dass Kurd*innen ihre Minderwertigkeit so verinnerlicht haben, dass sie das akzeptieren, in der Hoffnung, dass die deutsche Stimme, die für sie spricht, ihnen mehr bringen wird. Dem ist nicht so.

Es ist höchste Zeit diese letzten Tage als das zu analysieren, was sie waren: Ein Schaulaufen des Rassismus in Deutschland und der Türkei, direkt vor unseren Gesichtern, für alle zu sehen. Es reicht nicht zu sagen, dass alle gleich sind, wenn nicht alle gleich sind. Es braucht eine direkte Politik, die Räume für die Opfer von Rassismus schafft, vor allem diejenigen, die nicht gehört werden. All diejenigen, die in der migrantischen Debatte in Deutschland als Türk*innen und Sunnit*innen subsumiert werden oder gar ganz ignoriert werden, wie beispielsweise Roma und Sinti. Wenn wir dem nicht gerecht werden, dann haben wir aus Hanau nichts gelernt.